Max Lang
Menü
X
Max Lang
Uraufführung bei den Nibelungenfestspielen Worms, Juli 2018.
Auszug aus dem Stück.

Last Exit: Hunnenland

gunter nach einer kurzen Pause
Ach Kinder, wann passiert wieder
was Schönes, wann können wir wieder
fröhlich sein nach dieser schrecklichen Zeit?
Seit diesem Mord, ich weiß nicht, hab meinen
Übermut verloren, das Wetter war nur schlecht,
die Wolken ziehen zu, irgendwie war niemand
mehr lustig, seit Siegfried von uns gegangen ist,
es wär doch wieder an der Zeit, dass wir tanzen,
trinken, feiern, wär das nicht schön?
Kinder, was hatten wir es früher gut,
in Worms im Festsaal, die Gelage, die
Bälle, die schönen Kleider, seit Siegfrieds Tod
ist dieser Schatten über allem, können wir
nicht wieder ausgelassen sein? Tanzt, trinkt,
freut euch! Wir sind nicht mehr ewig jung,
sind eh schon alt, warum streiten, warum
nachdenken, warum sich den Kopf
zerbrechen, wenn wir es doch gut haben könnten?
Ein Schluck Wein jetzt, ein kühles Bier,
der Tag wäre so schön, Kriemhild,
lass deine Männer auftischen,
lass das Fest beginnen, los!
Tanzen, Freude, los!

kriemhild
Was für ein Mensch.

hagen
Ein Idiot.

gunter
Aber nein, nein, nein.
Niemand mag.
So macht das Leben
keinen Spaß.

kriemhild
Mir hat das Leben
lange keinen Spaß gemacht.

hagen
Immer dieses Nachdenken, Taktieren,
Grübeln.

gunter
Dieses Kopfweh!

Veröffentlicht in:
Mauerläufer. Literarisches Jahresheft. Ravensburg, 2017.

Der Herd

Die engsten Verwandten versammelten sich, um Abschied zu nehmen von dem alten Mann. Sie standen um den Toten herum, der auf sein Bett gelegt worden war, und begannen schon damit, sich über die Beerdigung zu beratschlagen.

Er war am Nachmittag gestorben. Er war ausgerutscht. Draußen war ein Schneesturm aufgekommen. Er hatte seine Einkäufe heimgeschleppt und war auf der Straße ins Wanken geraten. Der Notarzt hatte dann nur noch seinen Tod feststellen können.

Der Schneesturm hielt noch immer an. Es war nicht möglich, das Zimmer zu lüften. Über das Bett und über den Boden hätte sich der Schnee verteilt. Er hätte sich in der ganzen Wohnung verteilt und alles durcheinandergebracht.

Sie gingen in die Küche. Dort war es am wärmsten. Sie erinnerten sich an verschiedene Abende, die sie hier verbracht hatten. Mit ihrem König, wie sie sagten. Er war das Familienoberhaupt gewesen, meinten sie. Er hatte das Sagen gehabt. „Auch wenn er fast nichts gesagt hat.“ Aber er war dann doch immer derjenige gewesen, den man letztlich anrief und um Rat fragte.

Ein paar von ihnen, die in der Stadt wohnten, verabschiedeten sich. Sie waren jetzt nur noch zu viert. Der Schneesturm ging weiter. Er rüttelte an den Fenstern. Sie erinnerten sich an seine Vorliebe für dieses Wetter. „Im Sturm hat er sich am wohlsten gefühlt. Bei diesem Wetter hat er sich beruhigt. Da bin ich bei mir, hat er gemeint.“

Sie gingen nochmals zu ihm. Ein Fenster war gekippt, sie bemerkten es erst jetzt, sie machten es zu. Es war jetzt ganz still in dem Raum. Es war ihnen zu still, und sie gingen wieder.

„Er ist im Sturm ausgerutscht und hingefallen“, sagten sie, während sie die Schränke öffneten. Er hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass der Schnee ihn beruhige. Er verschluckt alle Laute, hatte er gesagt. Er deckt die Erde zu. Er beruhigt alles. „Er stimmt die Aggressiven milde und die Heimatlosen versöhnlich.“ Er sei das Beste, was den Menschen passieren könne.

Er war oft am Fenster gesessen, meinten sie. Er hatte zum Platz hinuntergeschaut, über den die Leute vor dem Schnee flüchteten. Sie duckten sich und wollten schnell in ihre Wohnungen hinein. „Das hat ihn fasziniert. An solchen Tagen hat er seinen Hut genommen und ist auf einen Spaziergang hinausgegangen.“

Es wurde ihnen auch in der Küche zu kalt. Sie schalteten den Herd ein.

Sie gingen durch die Wohnung und schauten, wo noch Fenster offen standen. Der Alte hatte auch im Winter die Fenster häufig geöffnet. Er hatte die Kälte gemocht. Sie erfrische den Geist, hatte er gesagt.

„Er hat die russische Musik am meisten geliebt. Tschaikowski. Tschaikowski sei nur in Russland möglich gewesen. Und außerdem hat er Schubert gemocht. Er hat die melancholischen Musiker gemocht“, sagte einer von ihnen.

Sie räumten ein paar Bücher, ein wenig Bettwäsche, Mäntel, seine Hemden und seine Krawatten auf den Boden. Sie lüfteten jede Schublade und kramten darin herum. Sie machten alles auf, was man aufmachen konnte. Nur die Fenster ließen sie zu. Wenn sie in sein Zimmer kamen, gingen sie plötzlich leiser und sprachen nicht mehr.

Der Wind rüttelte weiter an den Fenstern. Er wollte hinein. Er wollte durch die Wohnung fegen. Er wollte die Sachen des Alten durcheinanderbringen. Die Zettel, die Unterlagen, die medizinischen Befunde, die Notenblätter, er wollte das Cello wachrütteln, auf dem der Alte gespielt hatte – Schubert, Tschaikowski –, er wollte das Feuer im Herd löschen, an dem sich seine Verwandten zu wärmen versuchten, er wollte die Bilder festhalten, die an den Wänden hingen, er wollte sie einrahmen und für die Ewigkeit bewahren.

„Erinnert ihr euch?“, rief eine von ihnen aus dem Wohnzimmer. „Er hat die Schallplatten oft bis in die Nacht hinein gehört. Er hat Kopfhörer aufgehabt. Der Plattenspieler war eingeschaltet. Die Fenster waren geschlossen und er hat auf die Straße und den Hof hinausgeschaut. Er ist Stunden lang so dagesessen, und er hat sich nur bewegt, um die Platten zu wechseln.“

Der Tote lag jetzt wieder allein.

Sie hatten sich im Wohnzimmer versammelt. Sie standen zu viert um den Tisch herum und tranken jeder einen Schluck Kräuterlikör aus den kleinen Gläsern. „Den hat er uns immer eingeschenkt, wenn wir hereingekommen sind. Er hat gewusst, dass uns kalt war. Damit hat er uns aufgewärmt“, sagte einer.

Sie erinnerten sich, wie er am Fenster gesessen und Cello gespielt hatte.

Sie überlegten, was noch zu tun sei, und sie strömten wieder in die Zimmer aus.

Man hatte nun endlich eine Bestandsaufnahme seiner Sachen gemacht. Es war nicht so viel, wie sie gedacht hatten. Es war überschaubar. Man könnte es als Andenken aufteilen, sagten sie.

Der Herd wärmte die Küche, und im Wohnzimmer lief die Heizung auf höchster Stufe.

„Ich muss bald gehen“, sagte einer. „Wenn es so weiter schneit, ist die Straße bald versperrt. Mir ist außerdem kalt, ich fühl mich schwach. Hoffentlich werde ich nicht krank.“ Man stimmte ihm zu. Sie fühlten sich alle schwach und kränklich wegen des Sturms.

Als es ganz dunkel geworden war, schalteten sie auch die übrigen Lampen ein. In allen Zimmern brannte jetzt Licht. Im Zimmer des Toten brannte nur eine kleine Lampe auf dem Nachttisch.

Sie ordneten ihre Sachen, packten sie ein. Sie waren aus verschiedenen Landesteilen zusammengekommen. Sie trafen sich jetzt wieder im Wohnzimmer und fragten einander, in welchen Hotels sie wohnten. Sie plauderten, der Likör wirkte. Sie unterhielten sich über den Komfort in ihren Hotels. Es waren Mittelklassehotels mit drei oder vier Sternen. Manche priesen die Dreisternehotels. „Sie sind freundlicher. Es ist persönlicher“, sagten sie. Eine warf ein, dass Dreisternehotels meistens keine Sauna hätten. „Bei dem Wetter brauch ich das.“ Auch ihr stimmte man zu.

Sie machten eine zweite Flasche auf. Einer zog seine Füße auf die Sitzbank und setzte sich auf sie drauf. Eine andere lehnte an der Heizung. Das Licht warf einen Kegel über den Tisch, auf den sich ihre Blicke richteten. Sie sahen den roten Likör und die grünen Römergläser. Sie studierten die Aufschrift auf der Flasche und erzählten immer wieder Anekdoten aus ihrer Kindheit.

In den Gesprächspausen dachten sie an den Toten.

Einer überlegte, ob man ihn zudecken sollte. Aber er sprach den Gedanken nicht aus.

Eine andere überlegte, ob dem Alten die Hände gefaltet waren, wie es sich gehörte.

Der Dritte überlegte, ob man ihm das falsche Gebiss rausnehmen sollte.

Die Vierte dachte darüber nach, die Lampe zu löschen, die neben seinem Bett brannte.

Aber niemand sagte etwas.

Sie standen auf. Sie schauten nochmals in alle Zimmer, um sicherzugehen, dass die Fenster geschlossen waren. Am nächsten Tag würde man die Leiche abholen. Bis dahin läge sie allein im Zimmer.

Alle Lichter waren gelöscht. Sie standen jetzt zusammen vor der Tür, und einer sperrte sie ab. Der Wind rüttelte an den Fenstern des Treppenhauses. Er würde die ganze Nacht versuchen, in das Haus einzudringen.

Auf der Straße verabschiedeten sie sich schnell, und jeder von ihnen kämpfte sich in eine andere Richtung durch den Sturm.

Veröffentlicht in:
Literatur und Kritik. Salzburg: Otto Müller Verlag. September 2017.

Im Dorf

Das Dorf lag ruhig. Wenig Leute gingen spazieren.
Ich wollte noch einen Freund besuchen
Ich sah ihn von weitem in seinem Garten stehen

Als ich näher kam, ging er hinein
und öffnete ein Fenster.
Er winkte mir

und wie ich ankam, stand die Tür schon offen
und er führte mich in die Küche
gab mir etwas zu trinken und wir redeten.

Alte Straße

Tage, an denen alles möglich ist
wo die Straße so ausschaut wie damals
und die Leute zu erkennen sind
dieselben wie früher
und du die Gegenwart fühlst
den Abend
und die bevorstehende Nacht.

Heimweh

In der Stadt meines Großvaters
wurden die Pflastersteine entfernt
die Straßen wurden geebnet
das alte Holz verbrannt
und durch neues ersetzt.
In den Schaufenstern die Kollektionen
anderer Städte.
Ich sehe, wie er mit dem Hut
durch eine Gasse geht
hinkend, mit aufrechtem Blick.